Der Beitrag der christlich-jüdischen Tradition für eine erneuerte Gesellschaft

Die christlich-jüdischen Tradition kann entscheidende Beiträge liefern für eine neue Gesellschaft. Das bisherige System ist dabei, sich selbst ad absurdum zu führen. Es zeitigt immer schrecklichere und zerstörerische Wirkungen auf die Menschen und auf den Planeten. Die christlich-jüdische Tradition hat im Laufe der Menschheitsgeschichte schon mehrfach grundlegende Entwicklungen angestossen, welche zu Freiheit, Mündigkeit und zu einem gemeinschaftlich getragenen Guten Leben geführt haben. Sie kann auch jetzt in dieser kritischen Zeit tragende Impulse geben auf dem Weg aus der derzeitigen Sackgasse.

  • Jedes menschliche Individuum hat Teil am Geschenk des Lebens, es hat Teil an einer Güte, welche die Welt durchdringt, es ist gewürdigt zum Teilhaben an einer grossen Fülle, am Geschenk eines unablässigen Werdens. Diese Teilhabe macht die Menschen zu Gleich-Würdigen und zu Gleich-Wertigen.
  • Jedes menschliche Individuum ist gewürdigt, teilzunehmen am Projekt der Entwicklung und Gestaltung des guten Lebens, es hat Potential und Ressourcen, zum Guten Leben beizutragen. Jedes menschliche Individuum ist ein selbstbestimmt handelndes Subjekt, nicht ein von aussen gesteuertes Objekt.
  • Jedes menschliche Individuum ist fähig zur Gemeinschaft und auf Gemeinschaft angelegt. Jedes menschliche Individuum ist fähig, andere zu beschenken aus der grossen Güte. Gemeinsam sind die Menschen unterwegs mit der grossen Güte, als sich ergänzende vielfältige Gemeinschaft und als unüberwindbare Kraft.
  • Die Hoffnung ist zentral in der jüdisch-christliche Tradition. Grundlegende Überzeugung ist, dass das der Welt zugrunde liegende unablässige gütige Schenken nie aufhört und immer wieder neue Lebensmöglichkeiten schafft. Güte und Liebe sind unbezwingbar und schwingen zuletzt immer wieder obenauf. Sie sind stärker als Hass, Unrecht und Zerstörung. Güte und Liebe geben den Menschen Recht. Der Zugang zur ewigen Güte erfolgt ohne Vorbedingung, ohne einen Verdienst vorweisen zu müssen. Güte und Liebe schaffen Leben. Die Menschen haben Teil am immerwährenden Werden, das der Welt zugrunde liegt und das nie aufhört. Zwar ist auch das zu Ende gehen, das bedrängt sein immer da. Das Leben und das Gute sind fragil, so fragil, dass es (zu) oft kaum zum Aushalten ist. Aber das Werden ist stärker, es überwindet und es bleibt. Das Urbild für das nie aufhörende Werden ist in der christlichen Tradition die Auferstehung des Christus. Er hat sich stärker erwiesen als die herrschenden und terrorisierenden Mächte. In der jüdischen Tradition ist das Urbild für das nie aufhörende Werden die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten und der Einzug in ein Land des guten Lebens und des Friedens (Schalom).

Die Modelle sind vielfältig, und sie seien hier nur kurz stichwortartig aufgeführt. Jedes dieser Modelle wäre es Wert, in einem ausführlichen Artikel gewürdigt zu werden.

  • Die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King: Das einfache, aber wirkungsvolle Konzept des gewaltlosen Widerstandes im Busstreik von Montgomery lautete: „Entschiedene Nicht-Kooperation durch Selbstorganisation“.
  • Nelson Mandela. Ein einfaches Prinzip leitete ihn durch alles hindurch. Es war in seiner religiösen Erfahrung begründet und in seinem christlichen Menschenbild: „Ein Mensch, eine Stimme“.
  • Die Befreiungstheologie in Lateinamerika, die Basisgemeinden.
  • Der Religiöse Sozialismus ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts.
  • Die Bekennende Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus.
  • Die Armen von Lyon um den Erneuerer Petrus Waldes in vorreformatorischer Zeit.
  • Zum Teil die Reformation um Martin Luther und um viele Andere.

Die wirkungsmächtigste emanzipatorische Kraft in der Menschheitsgeschichte ist das jüdisch-christliche Gedankengut und die daraus gewachsene Lebensführung. Das jüdisch-christliche Gedankengut trägt diese emanzipatorische Kraft immer noch in sich, und das kann heute und in Zukunft die Welt wieder neu prägen und verändern.

Eine neue geistige Grundlage ist für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung dringend notwendig. Denn die Ursache der heutigen multipolaren Menschheitskrise ist geistiger Natur.1 Sie liegt im aktuellen Welt- und Menschenverständnis, das religions-ähnliche Dimensionen angenommen hat. Es ist ein materialistisches Weltbild, welches das „Heil“ vom Markt, vom Wettbewerb, von zu erbringender Leistung erwartet. Dinge, denen alles geopfert werden muss, und bei deren Missachtung selbstverschuldetes Unheil folgt. Es ist das Weltbild, mit dem die Mächtigen und Habenden ihre Macht und ihren Reichtum legitimieren und zementieren. Sie gewinnen ihre Anhänger durch das Verleihen von effektiver oder versprochener Teilhabe an Macht und Reichtum, verlangen dafür aber Loyalität, Kollaboration und Unterwerfung. Es ist ein die Menschen knechtendes Weltbild.

Diesem Weltbild muss ein anderes Weltbild entgegengesetzt werden, ein Weltbild von unten, von der Mehrheit. Diese Mehrheit ist stark. Die Religion des Marktes, des Wettbewerbes und der Leistung muss ersetzt werden durch die Religion, welche die Menschen sieht

  1. Mehr dazu in einem nächsten Beitrag ↩︎

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