Das grosse, gütige und liebende
Sein und Werden.
Gibt es einen Gott? Ich weiss es nicht.
Es hängt davon ab, was man sich unter „Gott“ vorstellt, was für ein Bild man von diesem „Etwas“ hat, das man „Gott“ nennen kann.
Was ich aber weiss ist:
Es gibt das Geheimnis eines grossen, gütigen Seins und das Geheimnis eines immerwährenden liebenden Werdens.
Ich weiss das, weil ich Teil davon bin. Durch mein Leben habe ich Anteil daran.
Und ich weiss das, weil mich dieses Sein und Werden umgibt. Ich bin mitten drin und ich lebe davon.
Das Stück Brot, das ich heute Morgen gegessen habe und der Apfel, das ist Teil von diesem gütigen Sein. Der See, in dem ich mich heute gekühlt habe inmitten einer wunderschönen Landschaft, das ist Teil davon. Die Sonne, die morgen aufgehen wird, die ist Teil des ewigen gütigen Werdens, und die Blütenknospe, die morgen auf einer Wiese aufspringen wird mit tausend anderen, ist es ebenso.
Ein Sein und ein Werden ist da, für mich unleugbar.
Was ich weiss ist auch:
Dieses Sein und Werden gibt es immer nur aufgrund von anderem Sein, es ist immer nur da durch anderes Sein.
Das Brot, das ich gegessen habe, gibt es durch die Getreidekörner, die jetzt nicht mehr sind, durch den Menschen, der aus Mehl, Wasser und Hefe den Teigling geformt hat, durch den Mann, der den Teigling zum Detailhändler gefahren hat, und durch die Frau, die das Brot heute früh, als ich noch schlief, in der Backstube ausgebacken und ins Regal gelegt hat. Sie alle haben etwas von ihrer Zeit, von ihrer Kraft, von ihrem Know-how und von ihrer Ausrüstung für mich eingesetzt.
Das grosse, gütige und liebende Sein und Werden umgibt mich. Es umgibt mich in einer fast unfassbaren Vielfalt, Fülle und Schönheit. Es trägt mich. Es ist mein Ursprung, von dem her ich komme und durch den ich bin. Es ist mein Zielpunkt, zu dem ich zurückkehre, bei dem ich ewig bin.
Dem grossen, gütigen und liebenden Sein und Werden kann ich vertrauen. Ich kann mich ihm anvertrauen. Es trägt mich und wird mich tragen.
Was ich weiter weiss, ist:
Dieses grosse, gütige und liebende Sein und Werden setzt mich in eine Beziehung zu den Mitmenschen.
Diesem Sein und Werden gegenüber bin ich gleichwertig wie sie, sie sind gleichwertig wie ich. Die Sonne geht auf über Bösen und Guten, über allen gleich.
Nicht nur gleich bin ich, ich bin auch abhängig von ihnen. Und sie von mir. Wir haben gemeinsam Anteil an der grossen Güte und teilen sie untereinander, machen sie einander zugänglich, durch ein grosses Miteinander-Sein und ein gegenseitiges Füreinander-Sein. Das Verhältnis zu meinen Mitmenschen ist dabei nicht von Wettbewerb geprägt, nicht vom Kampf um knappe Ressourcen. Die Mitmenschen sind nicht in erster Linie Konkurrenten oder gar Feinde. Sie sind Mit-Teilhabende. Mit mir zusammen vergrössern sie die Vielfalt des Lebens. Miteinander verkörpern wir die Vielfalt und Schönheit des Lebens auf dieser wunderbaren Erde.
Und weiter weiss ich:
Dieses grosse, gütige und liebende Sein und Werden setzt mich in eine (positive) Beziehung zu mir selbst.
Ich bin gewollt. Ich bin bejaht. Ich bin beschenkt. Ich kann mich bejahen. Ich kann gut zu mir sein. Ich kann geniessen. Es setzt mich in eine Autonomie und Unabhängigkeit. Ich bin letztlich FREI und unabhängig von Allen, die Macht über mich gewinnen wollen. Ich bin letztlich frei und unabhängig von allem, das Macht über mich gewinnen will. Ich bin ein freier Mensch. Abhängig nur vom grossen, gütigen und liebenden Sein und Werden.
Fragil, verletzlich, gefährdet.
Das grosse, gütige und liebende Sein und Werden ist da. Aber es ist fragil und verletzlich. Es ist nicht einfach und selbstverständlich und immer da. Es ist äusserst gefährdet.
- Es wird vielen Menschen mutwillig entzogen. Sehr, sehr vielen. Viel zu vielen. Der Zugang ist ihnen versperrt. Durch die Art, wie die Menschheit mit dem Reichtum an Gütern umgeht, durch die Art, wie geteilt oder eben nicht geteilt wird. Durch die Art, wie die Einen horten und wie Andere leer ausgehen.
- Es wird gewaltsam zerstört. Durch Kriege. Durch Ausbeutung. Es wird weggenommen durch Vertreibung.
- Es wird vergiftet. Es wird vergeudet. Es wird mehr verbraucht als da ist. Die Vielfalt wird in seiner Entfaltung gehemmt und zerstört. Es gibt gewaltig viele unachtsame, ausbeuterische Eingriffe in das Zusammenspiel der Vielfalt. Das bringt Zerstörung. Sie ist immens. Es ist himmelschreiend.
- Es kann auch durch widrige natürliche Umstände zeitweise unzugänglich sein, durch Wettereinflüsse, Naturkatastrophen.
Die Care-Bedingtheit des Lebens. Das Angewiesensein.
Das grosse Sein und Werden ist deshalb und immer angewiesen auf Unterstützung.
Es braucht mich. Es braucht dich. Es braucht Viele, die sich auf seine Seite stellen, die es hüten, beschützen, bewahren ihm den Weg frei legen, die es wertschätzen und ehren.
Zu diesem grossen, gütigen und liebenden Sein und Werden muss ich meine Haltung finden, immer neu.
Ich kann mich seinem Fluss aussetzen, mich mitnehmen lassen, mich dankbar als beschenktes Individuum sehen, mich freuen darüber. Geniessen!
Und ich kann mich aktiv hineinbegeben in den Kreislauf des Lebens aus dem Füreinander als Gebender, als Bewahrender und als Teilender.
Meine Überzeugung: Hinter dem grossen, gütigen und liebenden Sein und Werden steht eine Kraft, die das Leben will und die das Leben schafft. Dieser Kraft kann man vertrauen.
Ich ahne sie, diese Kraft. Ich vermute sie, in für mich zwingender Art.
Ich meine, sie in meinem Leben und im Leben anderer um mich herum konkret erkennen zu können.
Ich meine, sie auch im Leben von Menschen erkennen zu können, die zeitlich vor mir gewesen sind. Sie ist und war da bei anderen, in einer riesigen Fülle. Seit Jahrhunderten. Seit Jahrtausenden. Schon immer. Ich meine, ihre Spuren deutlich zu sehen.
Dieser Kraft vertraue ich.
Jesus, der Eine Mensch aus Nazareth, als Vorbild des Lebens mit der Kraft, die Leben will und Leben schafft.
Ein Vorbild für dieses Leben mit der Kraft, die das Leben will und schafft und die den Menschen als Teilhabenden und Teilenden sieht, ist der eine Mensch aus Nazareth, Jesus. In seinen Spuren kann ich meinen eigenen Weg des Lebens als Teilhabender und als Teilender gehen, gemeinsam mit anderen, in fröhlicher, ermutigender Gemeinschaft.
Nebst der Gemeinschaft können andere Mittel hilfreich sein, die Entwicklung des eigenen Weges als teilhabende und teilende Person. Das Gebet zum Beispiel, in welcher Form auch immer. Es ist eine mögliche Form, sich auf diese Kraft, auf dieses „Anders“ auszurichten, im inneren Dialog damit zu stehen, Vertrauen wachsen zu lassen, oder auch Klage und Verzweiflung laut werden zu lassen.
Eine andere Form, sich für die Gestaltung des eigenen und des gemeinsamen Weges mit der Kraft inspirieren zu lassen ist das Lesen der Grundlagentexte, der Bibel, unter der Berücksichtigung ihres Verwoben-Seins hinein in die zeitliche Bedingtheit der jeweiligen menschlichen Existenzen in je ihrer Zeit.
Gibt es einen Gott?
„Den da oben“, der allmächtig ist, der alles kann oder müsste, der aber doch nicht zum Rechten schaut, und auch nicht dazu, dass es allen gut geht, den gibt es wohl nicht.
Aber es gibt diesen Atem von Allem, diese Kraft, die das Leben will und die das Leben schafft. Dieses „Anders“, aus dem alles ist und zu dem hin alles ist, das gibt es.
Dieses Sein ist nicht allmächtig, aber es ist die letzte Macht, die einzig bleibende Macht, nach der sich zuletzt alles zu richten hat.
Es ist eine Macht, die punktuell stärker sein kann als die Gegebenheiten in dieser geschaffenen Welt. Sie kann unsichtbare Fäden ziehen. Sie kann (für uns unverfügbare) Kräfte und Boten schicken. Sie kann Abläufe und Gesetzmässigkeiten bestimmen und lenken. Sie kann auf geheimnisvolle Weise ihren Glanz ausbreiten, unserer Realitäten mit ihrem Klang durchdringen. Das kann punktuell auch einmal so stark sein, dass es physikalisch erkennbar ist (optisch, akustisch, biologisch).
Was bleibt und immer sein wird, das ist das ewige und gütige, das liebende Sein und Werden.
Und das gibt mir HOFFNUNG. Hoffnung für mich, Hoffnung für die Meinen, Hoffnung für die Welt.